Heute bekam ich die neueste "ZEIT" geliefert, auf deren Titelseite in großen, freundlichen Buchstaben stand
"63% der Deutschen glauben, man müsse sehr aufpassen, wenn man in der Öffentlichkeit seine Meinung äußert"
Das lese ich oft. Dass man in diesem Land seine Meinung nicht mehr sagen darf. Und meistens lese ich es von Leuten, die dann nach diesem Einführungssatz laut und deutlich ihre Meinung sagen. Zu Flüchtlingen, zu Muslimen, zu Greta Thunberg, zu den Grünen ...zu allem. Meistens keine besonders differenzierte Meinung. Und oft ist es keine Meinung, sondern Häme und Beleidigung oder gar Rassismus.
Woher kommt also die Idee, dass man in diesem Land nicht mehr sagen darf, was man denkt ?
Für mich hängt das mit der Kritik an der "political correctness" zusammen, ein Begriff, mit dem mittlerweile alles bezeichnet wird, was einen an Aussagen anderer Leute stört.
Der Begriff selber stammt aus den 1990er Jahren und stammt von der politischen Rechten der USA. Die Idee, dass man eine Sprache benutzen könnte, die nicht diskriminiert oder verletzt, wurde von den Rechten als Eingriff in die Meinungsfreiheit und Zensur verstanden.
Dabei ist "Zensur" der staatliche Eingriff in die freie Meinungsäußerung. Es gibt aber kein Gesetz, dass es uns verbietet, "N****küsse" oder "Z*******schnitzel" zu essen. Zu beachten ist aber: sowohl "N*****" als auch das Z-Wort sind Wörter, die im Zusammenhang mit Ausgrenzung, Ausbeutung, Diskriminierung und sogar Vernichtung (Sinti und Roma wurden von den Nazis genau so verfolgt wie die Juden) verbunden sind. Entsprechend wünschen sich die Betroffenen, dass man solche Wörter vermeidet. Auch im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln. Auch, wenn man die "schon immer so" genannt hat.
Aber ... na ja, Rassisten haben keine Lust, sich vorschreiben zu lassen, keine mehr zu sein. Sie haben keine Lust, mit ihrer Sprache auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen.
Diese Erkenntnis habe ich in den letzten Jahren durch meine Aktivitäten in den Kommentarspalten im Internet gewonnen. Denn der Vorwurf, dass "die Elite" (Leute, die Bildung haben?) oder die "linksgrün versifften Gutmenschen" den anderen "Vorschriften" macht, der hat mich zuerst auch getroffen.
Aber warum soll ich mir vorschreiben lassen, was ich denken und sagen soll ? Ich finde Rassismus und ausgrenzende Sprache nun mal falsch. Aber die moralische Verpflichtung, "nicht auszugrenzen" und "nicht zu spalten" wollte mich dazu zwingen, auch Rechte und Rassisten nicht mehr als das zu bezeichnen, was sie sind. Und ihnen nicht zu sagen, dass ihre Meinung sich nicht mit unseren Werten verträgt und ihre Sprache verletzt.
Also, wer muss aufpassen, seine Meinung zu sagen ? In manchen Gegenden Deutschlands mittlerweile Politiker und Politikerinnen, die für unsere Grundwerte eintreten, weil sie dann von rechten Hetzern beleidigt und mit Drohungen verfolgt werden.
Aber leider nicht die, die hetzen und drohen und Hass verbreiten. Die dürfen das in den Kommentarspalten, in Talk Shows, in Kommentaren, auf ihren Internet-Seiten ... und wenn man ihnen widerspricht, jammern sie, dass sie nicht mehr ihre "Meinung" sagen dürfen.
Lasst uns widersprechen, solange wir das noch dürfen.