Friday, 8 January 2021

"Wasch mir den Pelz ...."

 

… aber mach mich nicht nass. Das ist es, was viele Leute zu denken scheinen, mit denen ich mich in den letzten Wochen auf Facebook unterhalten habe. Zur Zeit schimpfen all die Fachleute in den Kommentarspalten, dass unsere „unfähige Regierung“ es versäumt hat, ein „Konzept“ zu entwickeln und „einen harten Lockdown“ zu verhängen.TÜÜÜÜÜPISCH !!!

Aber – was wäre ein „harter Lockdown“ ?

Das würde bedeuten, dass man wirklich das Haus nur noch in Ausnahmefällen verlässt. Ein Mal in der Woche einkaufen, nur eine Person, kein Sport, kein Spaziergang, kein Besuch.Zur Arbeit, wenn man außer Haus arbeiten muss, sonst Home Office. Schule und Kita zu.

Wenn ich an all die „Ich lass mir meine Einkäufe nicht verbieten“- und „Ich lass mir nicht vorschreiben, wann ich meine Eltern besuche“-Postings so angucke, dann kann ich mir vorstellen, was ein wirklich harter Lockdown im Herbst für einen Protest hervorgerufen hätte.

Obwohl … solange die anderen davon betroffen sind, macht es mir nichts. Also, harter Lockdown ja, aber er darf mir nicht weh tun.

Die unfähige Regierung

Ja, Kritik an der Regierung ist normal, wir leben in einem freien Land. Aber viele KritikerInnen übersehen auch, dass es eben nicht so einfach ist. Die ganze Situation ist komplex, wer Maßnahmen gegen eine Pandemie erlässt, muss mehr bedenken als mein Kleinkind, das durchdreht, weil es nicht raus darf. Die Verantwortlichen müssen an die Gesundheit aller denken, an das psychische Wohl und die Bildung der Kinder ebenso wie an die Wirtschaft … und alles auf der Basis dessen, was Fachleute sagen, die aber auch nicht immer sofort alles bis zum Ende aller Zeiten wissen können.

Wie sehr wir miteinander verflochten sind, ist vielen Leuten auch nicht klar. Schön, wenn das Rentner-Ehepaar „alles richtig“ macht, immer Maske trägt, Abstand hält und sich isoliert. Und nun „werden wir auch bestraft“, heißt es. Auf die Strafe komme ich gleich noch, hier soll nur darauf hingewiesen werden, dass nicht alle Leute sich isolieren können, dass viele raus gehen und mit anderen Menschen arbeiten müssen. Müllabfuhr oder Krankenpflege – das geht nicht per „Home Office. Und da kann es immer wieder passieren, dass man sich infiziert oder eine Infektion weiter trägt.

Deshalb müssen ALLE mitmachen, damit solche Situationen die einzigen bleiben, die die Zahlen in die Höhe treiben.

Die Regierung bestraft uns“

Das ist für mich die bescheuertste Bemerkung, denn dahinter steckt so eine Idee von „Regierung“, die wie ein Vater/eine Mutter für uns sorgt. „Der Kaiser ist da, der macht das schon ...“ hieß es früher. (Nebenbei- der letzte Kaiser hat Deutschland in den ersten Weltkrieg getrieben...) Aber wir sind doch keine kleinen Kinder, die erzogen werden müssen!

Wir müssen alle zusammen halten und zusammen dafür kämpfen, dass diese Pandemie unser Land nicht unterkriegt. Wie das aussehen kann, wenn es schief geht, darf man gerne in Großbritannien, Brasilien oder den USA betrachten.

Werdet erwachsen !!!

Saturday, 17 October 2020

Es sterben täglich Leute .... der Umgang mit den Corona-Toten


" Corona Tote? Ach. Es sterben doch täglich Leute, über die regt sich keiner auf. Und wie war das mit der Grippewelle 2017/18 ? Oder die vielen Verkehrstoten ? Es sterben doch Leute, die sowieso sterben würden, bei manchen ist es vielleicht sogar vernünftig, wenn sie sterben, so alt und krank sie waren."

Nein, das ist NICHT meine Meinung, das sind Aussagen, die ich in Kommentarspalten zu Corona so lese.

Und sie regen mich mehr und mehr auf.

Erstmal  - es werden immer wieder auch die Toten durch Krebs in der Zeitung erwähnt. Das sind so Zahlen, die man zur Kenntnis nimmt und nur dann weiter drüber nachdenkt, wenn man irgendwie selber betroffen ist. Ebenso mit den Verkehrstoten - da regt sich wirklich niemand auf, sonst würde man ja z.B. ein Tempolimit auf Autobahnen befürworten. 

Der Tod gehört zum Leben, das stimmt.

Aber heißt das, dass wir einfach gefühllos darüber hinweg gehen, wenn jemand stirbt? Doch nicht. Selbst, wenn der/die Verstorbene sehr alt war, wenn der Tod als Erlösung empfunden wurde, man vermisst und trauert. Aber man konnte vielleicht Abschied nehmen, der/die Sterbende hatte Besuch, Betreuung, Liebe.

Man stelle sich das aber mal mit den Covid-19 Toten vor. Nehmen wir mal an, die Mutter ist Anfang 60, leidet an Diabetes, aber kommt mit Ernährungsumstellung und mehr Bewegung langsam in einen Bereich, in dem sie keine Medikamente mehr braucht. Sie wohnt - wie das ja heute oft der Fall ist - weit weg, denn das Kind zog aus beruflichen Gründen in einen entfernten Teil der Republik.

Mutter ist fit und arbeitet noch. Irgendwo auf dem Weg oder im Büro passiert es dann, sie steckt sich mit Covid-19 an. Sie entwickelt schwere Symptome und muss ins Krankenhaus. Sie kommt nach einer Woche auf die Intensivstation und muss beatmet werden.

Würdig ist das nicht - Kind in 600 km Entfernung hat so Bilder gesehen von Menschen, die auf dem Bauch liegen, mit Windeln .. und Kind kann die Mutter nicht besuchen. Die Station ist abgeschottet, die Reise schwierig der Wohnort des Kindes mittlerweile auch "Riskogebiet". Man darf anrufen und wenn man Glück hat, hat eine Schwester kurz Zeit, Auskunft zu geben. Die Station füllt sich nämlich.

Der Zustand der Mutter wird schlechter und schließlich stirbt sie. Allein. Ohne die Familie, nur mit dem Beatmungsgerät und den Maschinen, die jetzt nicht mehr piepsen.

Wollen wir das ? Gehört das zum Leben ? Ist das "völlig normal" und "vernünftig"?

Wer so argumentiert, hat entweder keine Ahnung oder kein Herz.

Ich will nicht, dass Menschen so sterben müssen, also bin ich für Vorsicht und Rücksicht.

Friday, 16 October 2020

Corona Rekorde - keine Panik, aber Umsicht

 Die Zahlen steigen. Jeden Tag gibt es neue "Höchstzahlen" an positiv getesteten Menschen. Und jeden Tag dieselben Fragen und Bemerkungen: 

 - Wie viele davon sind krank? 

- Wieviele müssen  ins Krankenhaus?

- Ich kenne ein Krankenhaus, das ist leer. Ich kenne auch niemanden, der "Corona" hat .... alles Fake !!

- Es wird mehr getestet, also auch mehr positive Ergebnisse .

 Und so weiter !

Ja, die Zahlen kann man schlecht mit denen im Frühjahr vergleichen, weil mehr getestet wird. Aber die Zahl der Tests pendelt seit einigen Wochen um 1 Million, die Zahl der positiven Testungen steigt jedoch seit einigen Wochen. 

Ja, nicht jede/r entwickelt Symptome. Aber wer bei einem Test Virenspuren im Rachen hat, hat die da ja nicht einfach so, sondern weil das Virus da ist oder war. Und man kann auch ohne Symptome ansteckend sein.

Die Zahl derer, die schwer krank werden, hinkt den positiven Testergebnissen immer etwas hinterher - man kommt in der Regel erst mit schweren Symptomen ins Krankenhaus. Also von denen, die heute positiv getestet werden, wird ein gewisser Prozentsatz in einer bis zwei Wochen auf der Intensivstation landen (und hoffentlich überleben).

 Ob die heute getroffenen Maßnahmen Wirkung zeigen, werden wir erst in 10 bis 14 Tagen erfahren.

Bis dahin hilft es nichts: wir müssen die täglichen Rekordmeldungen ertragen, dürfen uns aber nicht irre machen lassen, sondern müssen konsequent weiter machen mit Abstand, Rücksicht und Vorsicht. 

Als der "Lockdown" im Frühjahr gelockert wurde, hat man es ja uns schon angekündigt: wenn die Zahlen steigen, muss man strengere Maßnahmen ergreifen, um sie unter Kontrolle zu bringen, aber irgendwann kann man dann auch wieder "locker lassen". 

Bis zum nächsten Mal. Aber die Erkenntnisse der WissenschaftlerInnen und MedizinierInnen wachsen. Es wird bessere Behandlungsmöglichkeiten geben. Und irgendwann einen Impfstoff. Und vielleicht lernt die Welt auch etwas aus der Pandemie.

Also, bleibt dran, Leute, und lasst Euch von den Rekordmeldungen nicht irre machen.  

Wednesday, 30 October 2019

Darf man noch seine Meinung sagen ?

Heute bekam ich die neueste "ZEIT" geliefert, auf deren Titelseite in großen, freundlichen Buchstaben stand

"63% der Deutschen glauben, man müsse sehr aufpassen, wenn man in der Öffentlichkeit seine Meinung äußert"

Das lese ich oft. Dass man in diesem Land seine Meinung nicht mehr sagen darf.  Und meistens lese ich es von Leuten, die dann nach diesem Einführungssatz laut und deutlich ihre Meinung sagen. Zu Flüchtlingen, zu Muslimen, zu Greta Thunberg, zu den Grünen ...zu allem. Meistens keine besonders differenzierte Meinung. Und oft ist es keine Meinung, sondern Häme und Beleidigung oder gar Rassismus.

Woher kommt also die Idee, dass man in diesem Land nicht mehr sagen darf, was man denkt ?

Für mich hängt das mit der Kritik an der "political correctness" zusammen, ein Begriff, mit dem mittlerweile alles bezeichnet wird, was einen an Aussagen anderer Leute stört.

Der Begriff selber stammt aus den 1990er Jahren und stammt von der politischen Rechten der USA. Die Idee, dass man eine Sprache benutzen könnte, die nicht diskriminiert oder verletzt, wurde von den Rechten als Eingriff in die Meinungsfreiheit und Zensur verstanden.

Dabei ist "Zensur" der staatliche Eingriff in die freie Meinungsäußerung. Es gibt aber kein Gesetz, dass es uns verbietet, "N****küsse" oder "Z*******schnitzel" zu essen. Zu beachten ist aber: sowohl "N*****" als auch das Z-Wort sind Wörter, die im Zusammenhang mit Ausgrenzung, Ausbeutung, Diskriminierung und sogar Vernichtung (Sinti und Roma wurden von den Nazis genau so verfolgt wie die Juden) verbunden sind. Entsprechend wünschen sich die Betroffenen, dass man solche Wörter vermeidet. Auch im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln. Auch, wenn man die "schon immer so" genannt hat.

Aber ... na ja, Rassisten haben keine Lust, sich vorschreiben zu lassen, keine mehr zu sein. Sie haben keine Lust, mit ihrer Sprache auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen.

Diese Erkenntnis habe ich in den letzten Jahren durch meine Aktivitäten in den Kommentarspalten im Internet gewonnen. Denn der Vorwurf, dass "die Elite" (Leute, die Bildung haben?) oder die "linksgrün versifften Gutmenschen"  den anderen "Vorschriften" macht, der hat mich zuerst auch getroffen.

Aber warum soll ich mir vorschreiben lassen, was ich denken und sagen soll ? Ich finde Rassismus und ausgrenzende Sprache nun mal falsch. Aber die moralische Verpflichtung, "nicht auszugrenzen" und "nicht zu spalten" wollte mich dazu zwingen, auch Rechte und Rassisten nicht mehr als das zu bezeichnen, was sie sind. Und ihnen nicht  zu sagen, dass ihre Meinung sich nicht mit unseren Werten verträgt und ihre Sprache verletzt.

Also, wer muss aufpassen, seine Meinung zu sagen ? In manchen Gegenden Deutschlands mittlerweile Politiker und Politikerinnen, die für unsere Grundwerte eintreten, weil sie dann von rechten Hetzern beleidigt und mit Drohungen verfolgt werden.

Aber leider nicht die, die hetzen und drohen und Hass verbreiten. Die dürfen das in den Kommentarspalten, in Talk Shows, in Kommentaren, auf ihren Internet-Seiten ... und wenn man ihnen widerspricht, jammern sie, dass sie nicht mehr ihre "Meinung" sagen dürfen.

Lasst uns widersprechen, solange wir das noch dürfen.

Friday, 23 September 2016

Ein Traum

Als ich 20 war, lebte und arbeitete ich für ein Jahr in England. Wir waren eine Clique von jungen Leuten aus aller Welt und wir hatten den Traum einer Welt voller Freundschaft. Einer Welt, in der Menschen von unterschiedlichen Kulturen und Religionen zusammen leben, zusammen arbeiten und voneinander lernen. Wir kochten die Gerichte unserer Heimat und wir teilten unsere Musik und unsere Lieder. Diesen Traum lasse ich mir nicht nehmen, auch nicht, wenn ich gebeten werde, die irrationalen Ängste "besorgter Bürger" "ernst zu nehmen", die rechtspopulistischen Rattenfängern folgen und Leute wie mich "Gutmenschen" nennen. 

Eines der Lieder, das ich damals kennenlernte, war dieses - ein trauriges Lied von Freundschaft und Krieg und sinnlosem Tod, gesungen von Fayrouz, der  wohl bekanntesten Sängerin des Libanon.

Fairuz: Chadi

Saturday, 27 August 2016

Frauenkleidung - jetzt wird's politisch

Dieser Sommer hat eine Menge Diskussionen gebracht, die nicht unwichtig sind, aber irgendwie immer zur unrechten Zeit kamen. Die Frage, wie Frauen sich in der Öffentlichkeit kleiden sollen, gehört dazu. Ja, ich meine die "Burka-Debatte", bei der die meisten Leute unter dem Begriff "Burka" alles zusammen fassen, was sie stört, von fremdem Aussehen über fremde Sprachen bis zu Knoblauch in der Salatsoße.

Meine Meinung zur "Burka":

1.
Ich mag sie nicht. Ich möchte, dass Frauen sich so zeigen können, wie sie sind, und vor allem möchte ich einer Gesprächspartnerin ins Gesicht und in die Augen schauen können. Mir gefällt die Buntheit unseres Straßenbildes besser als einheitlich gekleidete Menschen.

2.
Allerdings muss man bedenken, dass die meisten "Burkas" keine sind. Es ging ja genug Information durch die Medien, es wurde erklärt, dass die "Burka" ein Kleidungsstück aus Afghanistan ist, meistens blau, und vor den Taliban nur bei Ausflügen in die Stadt üblich war, im Dorf trug frau sie nicht. Die Taliban zwangen alle Frauen zur Verhüllung ihres Körpers und ihres Gesichts und damit wurde die Burka zu einem Symbol der Unterdrückung.

Aber die meisten Frauen hier tragen keine. Denn wenn die Augen noch zu sehen sind, tragen sie eine Niqab, die aus Saudi-Arabien stammt und dort schon in vor-islamischer Zeit üblich war.

Die allermeisten Frauen hier bei uns tragen aber weder das eine noch das andere - und ich vermute, dass viele Niqab-Trägerinnen Touristinnen sind.

3.
Ich glaube nicht, dass  ein generelles Verbot mehr Sicherheit und mehr Integration bringt. Im Gegenteil. Der Streit  um den "Burkini" in Frankreich  - einer Erfindung einer Muslima in Australien, damit musilimische Frauen am Badeleben teilnehmen können, auch wenn sie ihre Religion traditionell leben wollen - zeigte in dieser  Woche ein Foto, in dem eine Frau am Strand von bewaffneten Polizisten angesprochen wurde und ihren Burkini entfernen musste, weil er in dieser Stadt verboten war.

Was richtet so ein Anblick an ? Ist er nicht Wasser auf die Mühlen von Extremisten ? Macht er Frauen nicht Angst, die sich dann eben nicht mehr aus dem Haus trauen ?

Ich fürchte, das führt nur zu weiterer Trennung, zu Unverständnis, zu Gewalt..

Abgesehen davon, dass ein generelles Kleidungsstück-Verbot in der allgemeinen Öffentlichkeit in meinen Augen dem Grundgesetz widerspricht, eine Meinung, die ich auch von Verfassungsrechtlern im Fernsehen gehört habe.

4.
Nichstdestotrotz gibt es Situationen, in denen die Gesichtsverschleierung verboten werden kann, weil es wichtig ist, sein Gesicht zu zeigen. In der Schule z.B., im Gericht, bei Behörden ... ein Verbot von Gesichtsverschleierung in gewissen Situationen ist sinnvoll und bereits heute möglich . Und wird auch sogar durchgeführt.

Schade, dass es keine sachliche und pragmatische Diskussion zu dem Thema gibt, schade, dass der Wahlkampf zu populistischen Schnellschüssen verführt - aber dass man nicht alles verbieten kann, was einem nicht gefällt, das ist eine der Grundlagen unserer Ordnung. Und Verbote in Bezug auf die Kleidung sollten bedacht und mit Augenmaß durchgeführt werden.

Dass dadurch die Gespräche über die Rolle der Frau, über Gleichberechtigung und Chancengleichheit der Geschlechter nicht aufhören dürfen, ist für mich aber auch klar. Allerdings ist das ein Thema, das es schon vor den Flüchtlingen aus muslimischen Ländern gab - aber das ist wieder ein anderer Blog.

Sunday, 12 June 2016

Schwarz-Rot-Gold



Nun sieht mal sie wieder überall - an Fahnenmasten, Autospiegeln, als Teil des Make-up, als Balkonschmuck: die Farben schwarz-rot-gold, die Farben unserer Nationalflagge. Und wieder mal gibt es die Diskussion, ob das Zeigen dieser Farben nun "nationalistisch" sei und ob "Nationalismus" nicht schlecht sei und ein Zeichen von "Deutschland, Deutschland über alles". Die einen wackeln bedenklich mit dem Kopf, die anderen sehen sich schon wieder in die falsche politische Ecke gestellt und wieder andere meinen, "man müsse endlich mal einen Schlussstrich..." und so weiter und so weiter.

Also, Leute, nun haltet mal den Ball flach. Es geht um Fußball, nicht um den Dritten Weltkrieg. Es geht darum, die eigenen Nationalelf zu unterstützen. Was soll man denn sonst schwenken - die Fahne von Bayern München vielleicht ? Nach der EM werden die Farben wieder aus dem Stadtbild verschwinden  - aber so lange möchten die Fans zeigen, für wen sie jubeln.

Und mal ehrlich: ein Fußballspiel, bei dem höflich und fair für beide Mannschaften geklatscht wird, ist doch auch langweilig. Solange sich die Fans hinterher nicht gegenseitig verprügeln, ist doch alles okay.

Aber die Farben schwarz-rot-gold haben für mich noch eine andere Bedeutung. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere an den Geschichtsunterricht, an die Jahre zwischen 1815 und 1849, in denen in den deutschen Landen der Gedanke eines Nationalstaates entstand. Eines Nationalstaates mit Volkssouveränität und Grundrechten. Einheit und Freiheit - dafür sind in jenen Jahren auch Leute ins Gefängnis gegangen und sogar gestorben. In diesen Jahren wurden die Farben schwarz-rot-gold geschwenkt, sie wären auch die Nationalfarben dieses  geplanten demokratischen Staates geworden.

Wie wir wissen, wurde das nix, die Gegner dieser Ideen waren stärker. Als 1871 die Einheit kam, kam sie von den Herrschenden und es entstand eine obrigkeitsstaatliche Ordnung. Während 1832 der Nationalismus einer war, der andere nicht ausgrenzte, so wurde er ab 1890 zum Imperialismus, der im Ersten Weltkrieg gipfelte. Die Flagge des Kaiserreiches war schwarz-weiß-rot.

Die Weimarer Demokraten entschieden sich für schwarz-rot- gold. Ebenso die Väter und Mütter des Grundgesetzes, beide Male in Erinnerung an die Geschichte, an die Tradition des Vormärz, an die Forderungen und Gedanken dieser Zeit.

Und so ist die deutsche Flagge eine Flagge von "Einigkeit und Recht und Freiheit". Sie ist die Flagge eines demokratischen Landes, eines mittlerweile bunten Landes, eines Landes, das kritisch und besonnen mit seiner Vergangenheit umgeht, in dem kritischer Diskurs und demokratische Entscheidungen die Grundlage des politischen Lebens sind.

Ich finde die deutsche Flagge in diesem Sinne ein gutes Symbol - in Erinnerung an die demokratischen und freiheitlichen Tradtionen in diesem Land. Traditionen, die nicht ausgrenzen, sondern integrieren. So, wie unsere Nationalelf ein Symbol der Vielseitigkeit und der Integration geworden ist. Für diese Jungs passt schwarz-rot-gold.

Und insgesamt sollte man das ruhig locker sehen: mein Nachbar (Italiener mit deutscher Ehefrau) schmückt sein Auto bei internationalen Fußballturnieren mit beiden Flaggen. DAS ist Deutschland !!